stimmen JETZT: Nora Zapf – 6 das Wetter wird in Zukunft zusammenkommen

Es ist immer schön, wenn ich eine Veranstaltung in München besuche und in diesem Rahmen Nora Zapf treffe, mich mit ihr so zwischendurch ein wenig unterhalten kann, und ich freue mich, heute einen Text aus ihrem jüngsten Buch → Dioden, wie es Nacht (vierhändig) bei → stimmen JETZT vorzustellen. (Rezension in der SZ → click)

Nora Zapf, *1985 in Paderborn, lebt in München. Lyrikerin und Übersetzerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hispanistik Innsbruck (Lateinamerikanische Literaturen). Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Mitorganisatorin mehrerer Lesereihen. Literaturstipendium der Stadt München 2017, bayerischer Kunstförderpreis 2019. Nach rost und kaffeesatz, parasitenpresse 2018, und homogloben, gutleut 2018, ist Dioden, wie es Nacht (vierhändig), parasitenpresse 2021, Nora Zapfs dritte Einzelpublikation.


Das Dioden-Buch (lies auch: „Die Oden“) ist aufgeteilt in fünf längere Kapitel, die jeweils aus einer Reihe einzelner Texte bestehen. Von nächtlichen Befindlichkeiten handeln die Texte, von „Umwachtung“: Schlaf und Schlaflosigkeit, Träumen, Dämmern, Fiebern, Unruhe, halbwachem Gedankenkreiseln …

Das sechste und letzte Kapitel, Schlussakkord des Bandes, besteht jedoch aus nur vier Verszeilen – die mich sogleich begeistern!
Die Titelzeile katapultiert mich in Fontanes Ballade von der → Brück’ am Tay. Diese Ballade beginnt und endet mit den Shakespear’schen Wetterhexen, die sich mit den Worten „Wann treffen wir drei wieder zusamm?“ verabreden und mit dem Ruf: „Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand!“ das Unglück beschwören –  das Wetter wird zusammenkommen, die Zukunft ist bedroht!

In den beiden folgenden Zeilen geht es um uns, uns Menschen – mit zwei Attribuierungen werden die Archive der Menschheitsgeschichte geöffnet, die Wurzeln unserer Kultur aufgerufen, nämlich das antike Griechenland (→ tanzende Mänaden) sowie die Pracht, der Pomp und Luxus von Versailles und anderen Schlössern (→ Spiegelsaal). Zugleich ist damit der menschliche Hang zum Rausch, zur Raserei angesprochen, zum Narzissmus, zur egoistischen, selbstverliebten Gier.

Die Klammer im dritten Vers (seltsame Literaturen und Kunst) deute ich als ein kleines, leichtes, vielleicht ironisches Zwinkern, ehe im vierten Vers dann klar ausgesprochen wird: Idioten sind wir! Was haben wir getan?!
Wie sind wir umgegangen, wie gehen wir um mit unseren Fähigkeiten, unserem Können, unserem Wissen, mit der Erde, mit ihren und unseren Ressourcen, die wir stets verschwendet haben blind und blöd für Rausch und Tand, Tand, Tand – bleibt uns was? Unseren Kindern? Was?

Ja, ich zeige Noras Text, weil er mit wenigen Worten, ganz ohne Geschrei, ganz nebenbei genial verdichtet die wichtigsten und aktuellsten Fragen anrührt. Fragen, die mich auch bedrängen, manchmal bis in den Schlaf, bis in meine Träume hinein. – Der Band, übrigens, ist zwei kleinen Mädchen gewidmet: für Phine & Layla (next generation).

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spätherbst: bienen an astern belauert …

… und prompt geschnappschusst. oder heißt es schnappgeschossen? oder snapgeshootet?

ja, hockte am montag nach der arbeit im letzten sonnenfleckchen bei dem kleinen herbstasterndschungel hinterm haus. sah den bienen, schmetterlingen, hummeln auch und ganz vereinzelt wespen zu: spät im jahr noch holen sie sich futter von den alten bauernastern, die ich hierher retten konnte aus dem garten meines vaters.

belauerte beim sonne tanken so nebenbei das rege treiben der insekten mit der handycamera und zeige euch ein bild, das mich erfreut.

wo ist die biene?

siehst du die flügelchen schwirren?


genießet die tage, ihr lieben, freut euch am licht!

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stimmen JETZT: Axel Görlach, leichtsinn (clip)

Heute bei → stimmen JETZT das Gedicht leichtsinn von → Axel Görlach.
Herzlichen Dank an Autor und → Verlag, dass ich den Text hier zeigen darf.

Während einer von Christel und → Armin Steigenberger initiierten Textarbeitsferienwoche im Juni 2019 lernte ich Axel Görlach kennen, schätzen, mögen. Im Frühsommer 2021 haben wir für ein Schreibprojekt (Münchner Kooperationen) zusammengearbeitet, sehr anregend und erfreulich war das! Inzwischen ist Axels dritter Gedichtband erschienen, dem der hier gezeigte clip entnommen ist.

Dieser Text, bestehend aus einer Reihe von Handlungsanweisungen, spricht mich, die Leserin, direkt und unverblümt an. Gleich der erste Imperativ, pioniere dich, erinnert mich an die vielzitierte Inschrift am Apollontempel zu Delphi, → Γνῶθι σεαυτόν, Erkenne dich selbst! – und ruft damit alte, immer wieder neu gestellte, immer wieder anders beantwortete Menschheitsfragen auf: Wer bin ich, was kann ich wissen, was darf ich hoffen, wie soll ich leben, wie kann ich das Richtige tun, was ist meine Aufgabe, was ist der Sinn meines Lebens?

Angelus Silesius, Dichter und Mystiker des Barock, mahnt: Mensch, werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht, / So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht. Axel Görlachs Text spricht anders, macht andere Bildräume auf, die aber vielleicht in ihrem innersten Gehalt dem Epigramm des Silesius durchaus verwandt sein mögen.

Der letzte Vers des clip gefällt mir besonders: das davon-das-schweben-lernen, das von-barken-und-balken-lernen … wie geht das? Barken tragen: Passagiere, Lasten … und Balken tragen auch: Dächer, Brücken … wichtig ist, die Barken in Balance zu halten, sich auf dem Schiff so zu bewegen, die Lasten so zu verteilen, dass es im Gleichgewicht bleibt … und neben den Balken taucht vor meinem inneren Auge sogleich ein Schwebebalken auf, über den mit seitlich ausgestreckten Armen ein Kind balanciert. Wach sein (sehen), in Bewegung bleiben (gehen), das braucht es, um im Leben nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
So weit, grob skizziert, (m)ein Einstieg in den Text. Über Ergänzungen oder andere Lesarten freue ich mich.


Axel Görlach, geboren 1966 in Kaufbeuren, Bayern, lebt in Nürnberg. Er studierte Pädagogik, Philosophie, Neuere deutsche Literaturgeschichte, Deutsch als Zweitsprache sowie Türkisch. Er ist Lyriker und Fotokünstler und arbeitet als Sprachlehrer für ausländische Jugendliche und Flüchtlinge. Bisher erschienen die Gedichtbände leben gezeichnet (2009) und lichtstill (2015), zudem zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Anthologien. Für seine Lyrik wurde Axel Görlach unter anderem mit dem Wiener Werkstattpreis (2008), dem Feldkircher Lyrikpreis (2014) und dem erostepost-Literaturpreis ausgezeichnet.
Webseite: www.axelgoerlach.de
Instagram: @a_goerlach

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Zum Geburtstag: Eduard Mörike, Septembermorgen

Ein Gedicht, das ich einfach gern hab, immer schon … und ich habe zwei PoemPics dazu gemacht. Weil ich mich nicht entscheiden konnte, welches Foto besser passt.

Lass mich doch wissen, welche Variante DIR besser gefällt!

 

 

 

 

 

 

 

 

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stimmen JETZT: Franziska Beyer-Lallauret, An der Eider

Heute bei -> stimmen JETZT das Gedicht An der Eider von -> Franziska Beyer-Lallauret.
Herzlichen Dank an Autorin und -> Verlag, dass ich den Text hier zeigen darf!

Je öfter ich dieses der 2013 verstorbenen Lyrikerin -> Sarah Kirsch gewidmete Gedicht lese, desto besser gefällt es mir.
Die verwendeten Bilder, so empfinde ich es, vermitteln eine große, weite Stille, die mich, die Leserin, einlädt, ganz ruhig den Textraum zu betreten. Dieser wird allenthalben belebt von Bewegungen und Geräuschen: des Wassers, der Wolken, der „Tagegeister“, des „Katzentiers“.
Das Textsubjekt, also die Instanz im Text, die beobachtet und beschreibt, erzählt, spricht, geleitet mich vom „Morgenwasser“ bis zu den abends „moorwärts“ sinkenden Wolken durch einen Tag in der ganz eigenen, fast magisch anmutenden Welt eines „du“, einer Person, welche dem Textsubjekt wohl bekannt scheint. Gut möglich, dass ich hier unversehens in Sarah Kirschs Haus in Tielenhemme am Eiderbogen gelandet bin, in ihrem Dichterinnen-Kosmos. Wer weiß …

Franziska Beyer-Lallauret: 1977 in Mittweida geboren, in Sachsen aufgewachsen, studierte in Leipzig und Rennes Germanistik und Französisch, Agrégation d´allemand 2005; Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis 2021; lebt mit ihrer Familie in Avrillé bei Angers, Pays de Loire. Homepage der Autorin: https://www.franziska-beyerlallauret.eu

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stimmen JETZT – Text im Bild

stimmen JETZT ist ein Projekt, das mich seit einiger Zeit schon beschäftigt, nämlich:

Mit einem Text im Bild möchte ich hier auf dem Blog in loser Folge AutorInnen präsentieren, denen ich im Laufe der letzten Jahre auf die ein oder andere Weise begegnet bin. Morgen geht’s los!

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heut abend hören: pega on air im poesie[magazin], RADIO LORA MÜNCHEN 92.4

Das poesie[magazin] #91 mit Pega Mund und → Dinçer Güçyeter über ihre neuen Bücher am Freitag, 25. Juni 2021, 20 Uhr, live bei → RADIO LORA MÜNCHEN 92.4.

Seid dabei, hört rein!

Dank an Kristian Kühn, Hrsg. → Signaturen Magazin, für die Einladung!

Seit Januar 2014 ist das poesie[magazin] jeden Monat am 4. Freitag von 20 bis 21 Uhr auf Sendung. Live bei RADIO LORA MÜNCHEN 92.4 – eine Auswahl an Livestreams im Internet siehe → HIER. Ansonsten Lora München auf UKW 92,4 und über DAB+ Kanal 11C in und um München, sowie im Münchner Kabelnetz auf 96,75.

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Trude Krakauer zum Geburtstag: Flucht

Trude Krakauer, am 30. Mai 1902 als Gertrude Keller in Wien geboren, war Übersetzerin und Schriftstellerin. 1938 verlässt sie ihre Heimatstadt. Durch Vermittlung ihrer Jugendfreundin Thea Weiss hat sie ein kolumbianisches Arbeitsvisum erhalten; Versuche, in andere Länder zu exilieren, waren gescheitert.

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Den Rest ihres Lebens verbringt Trude Krakauer in Bogotá, wo sie am 25. Dezember 1995 stirbt. Ihr Vertrauen in Europa, in die österreichische Heimat ist zerstört. Ein einziges Mal besucht sie Anfang der 1980er Jahre Wien. Doch ob Trude Krakauer Bogotá je als eine neue Heimat empfunden hat, bleibt fraglich: Ihre Gedichte schreibt sie bis zu ihrem Tod auf Deutsch.

Der österreichischen Historikerin, Exilforscherin und Lyrikerin Siglinde Bolbecher und der von ihr gegründeten Theodor-Kramer-Gesellschaft ist es zu verdanken, dass Trude Krakauers Texte erhalten und zugänglich gemacht werden konnten. Bolbechers Anliegen, für das sie sich jahrzehntelang unermüdlich einsetzte, war es, der vergessenen Literatur der von den Nazis vertriebenen österreichischen SchriftstellerInnen wieder ihren Platz im Bewusstsein der Menschen zurückzugeben.

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Das Löwenreh – Christian Morgenstern zum 150. Geburtstag

Bekannt ist Christian Morgenstern vor allem für seine (sehr gute!) komische Lyrik.
Wer aber noch ganz andere Facetten seines Schaffens kennenlernen möchte,
dem sei die → Morgensternwoche des Signaturen-Magazins empfohlen.

click the pic to enlarge

-> zum Bestiarium

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kurz und gut: reste von landschaft erscheint …

… dieser tage, ja, das ist (m)eine einzelpublikation und ich freue mich sehr!

hier gibt’s etwas → info

hier geht’s zum → verlag
(DANK an black ink für die
wunderbare zusammenarbeit!)

und hier, voilà, kannst du → bestellen
(oder in der buchhandlung deines vertrauens)

frohgemute grüße:
pega ❤

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Ostern: Stefan George – An baches ranft

Frohe Ostertage wünsch ich euch, ihr Lieben,
mit einem Gedicht von Stefan George.

(click to enlarge)
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Zum Weltpoesietag – Hans Erasmus Aßmann: Vom Glücke


-> Johann Erasmus Freiherr von Abschatz, auch Hans Erasmus Aßmann, deutscher Barocklyriker und Übersetzer. Aßmann arbeitete vorzugsweise in Jamben; er verfasste Terzinen, Sextinen, Sonette; schrieb Gelegenheitsgedichte, Liebesgedichte, geistliche Verse, Epigramme …

Bei seinen Zeitgenossen war Aßmann hoch geschätzt. Nach Aßmanns frühem Tod trug schließlich Christian Gryphius (1649-1706), schlesischer Dichter und Sohn des berühmten Andreas Gryphius, Aßmanns Werk zusammen und edierte die Gedichte mit einem ausführlichen Vorwort („Ehren-Gedächtniss“).

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