Selma Lagerlöf zum Geburtstag: Wie ich den Nils Holgersson las

_2012-12-29-13-25-50zhintergrund_900Selma Lagerlöf (20.11.1858 – 16.03.1940) erhielt 1909 als erste Frau den Literaturnobelpreis.

Als Kind sehnte ich mich immerzu nach Büchern, die es doch in meinem häuslichen Umfeld nicht gab. Elf war ich oder zwölf, da fand ich in der Schulbücherei eine speckige, ziemlich zerlesene Ausgabe von Nils Holgersson, von der ich mich viele Wochen lang nährte. (siehe auch -> …)

Die große, kunstvolle, ganz mit dem Land, den Landschaften Schwedens, auch schwedischen Städten verwobene, vielschichtige, nur vordergründig einfache Erzählung von der wundersamen Reise des Nils mit den Wildgänsen, mit dem Gänserich Martin, ist ein Entwicklungsroman, gute Literatur für Kinder, Jugendliche, Erwachsene – der Roman behandelt, so denke ich heute (damals, als Kind, las ich nur und dachte gar nicht), die Krise der Pubertät, Geburt der Erwachsenenpersönlichkeit, das Anerkennen und Aushalten der Realität, das Wachsein; es geht um „Bildung“ im weitesten, innersten Sinn (ich verkneife mir, selbstschutzhalber, die Herzensbildung), um die Reifung des Protagonisten (ein paralleler Handlungsstrang führt auch eine Protagonistin ein, was ein feiner Autorinnenkniff ist, um jungen Lesenden beiderlei Geschlechts ein Identifikationsmodell zu bieten) durch Konfrontation mit Problemen wie Krankheit, Hunger, Armut, Aberglaube, Ausbeutung (das ist zeitgenössisch, Schweden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eben – allerdings sind Transfers sicher jederzeit möglich), es geht um Themen wie Schuld, Buße, Tod, Verlust, Nächstenliebe, Achtsamkeit, Solidarität, auch um die Utopie einer idealen Gemeinschaft (-> die Wildgänse).

Ich weiß noch: das Buch fühlte sich so gemein gut an. Ich las es, in einer Ecke auf dem Boden hockend, in winzigsten Bissen einen Apfel essend, wieder und wieder. Es spielte als Film in meinem Kopf, immer noch kamen neue Szenen hinzu, andere Bilder, Differenzierungen, Focusveränderungen, neue Schnitte. Ich erinnere, dass dieses Buch mich heftige Gefühle durchleben ließ, dass es mich ganz und gar aufnahm; alles darin schien stimmig, real, vollkommen wahrhaftig.

Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden Berlin 2014
Übersetzung aus dem Schwedischen und Nachwort von Thomas Steinfeld

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4 Antworten zu Selma Lagerlöf zum Geburtstag: Wie ich den Nils Holgersson las

  1. Maren Wulf schreibt:

    Hach, den Nils Holgerson hab ich auch geliebt. Ich bekam ihn vorgelesen.

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  2. Bludgeon schreibt:

    Hui, toll. Bringt mir als gescheitertem Lagerlöff-Leser vielleicht doch noch den Schlüssel zum Verständnis. Ich versuchte es mit 12 (oder so) zu lesen; zwischen zwei actionreichen Indianer- oder Ritterromanen und legte es deshalb nach wenigen Seiten weg. Da war echt zu wenig los.
    Aber ich bin ja nicht mehr 12.

    Mit diesem suchtvollen Lesen und versinken hab ich allerdings auch Erfahrung:
    Beim „Land der Salzfelsen“ beim „Kampf um Rom“ und natürlich bei 18 Spielhagenromanen heute immernoch.

    Gefällt 1 Person

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